Freitag, 25. Juli 2014

Das Vorbereitungsseminar in Erfurt

Wie versprochen, berichte ich über das 10-tägige Einstiegsseminar.

Am 11.Juli fuhr ich in der Früh nach Erfurt. Ich war gespannt, was und wer mich in den folgenden Tagen erwarten würde. Zwar hatten wir Freiwilligen bereits schriftlichen Kontakt, ansonsten waren wir uns jedoch fremd. Dementsprechend wusste ich nicht, wie die anderen auf mich reagieren würden, schließlich bin ich mit Abstand die Älteste. Angekommen in Erfurt lernten wir uns endlich kennen. Meine Mitreisenden sind Anna, Nina, Leo, Johannes, Henni, Taoh, Tammi, Marlene und Lukas. Sie machten von Anfang an einen netten und offenen Eindruck auf mich. Nach einer kurzen Kennenlernrunde stellte Stefan uns das Programm für die kommenden Tage vor.



Programmplan


Direkt am zweiten Tag hatten wir unseren ersten Vietnamesisch Unterricht. Wir lernten das Alphabet kennen, welches dem unseren gleicht. Lediglich einige Buchstaben sind verschieden. Wie erwartet, stellte sich die Aussprache als schwierig heraus. Schuld daran ist die Tatsache, dass die  vietnamesische Sprache sechs verschiedene Töne besitzt. Diese werden durch Tonzeichen über/unter dem Vokal gekennzeichnet. Hier mal ein Beispiel:



ma - Geist 
mà - aber
má - Mutter
mạ - Reissetzling 
mả- Grab 
mã - Pferd

All diese Wörter werden unterschiedlich ausgesprochen. Somit ist die Chance leider sehr hoch, durch eine falsche Aussprache in eine peinliche Situation zu kommen. Übrigens, das war unser erster vietnamesische Satz: "Tôi mua bia." ("Ich kaufe Bier.")


Vietnamesisch Unterricht


Mit Frau Ungh (sie deckte den kulturellen Teil im Seminar ab) sprachen wir über weitere Fettnäpfchen, in die wir treten könnten, kulturelle Unterschiede und angemessene Verhaltensweisen. Beispielsweise ist es unhöflich, wenn man zum Essen eingeladen wird und dort Speisen ablehnt. Den Umgang damit stelle ich mir sehr schwierig vor. Ich ernähre mich weitestgehend vegetarisch und wenn ich höre, was in Vietnam alles an Fleisch gegessen wird, wird mir komisch. Gegessen werden unter Anderem: Frösche, Schildkröten, Ratten, Hunde, verschiedene Insekten, kleine Vögelchen,... . Das Essen ist in Vietnam ein Zeichen von Wohlstand und wird besonders den Gästen im Rahmen der Gastfreundschaft angeboten. Gut und wertschätzend finde ich, dass die Vietnamesen, wenn sie beispielsweise ein Schwein schlachten, auch das gesamte Fleisch für ihr Essen nutzen. Ich bin gespannt, wie ich diese Situation für mich klären kann. 
Ebenfalls haben wir über Arbeitshierarchien und Konfliktvermeidung gesprochen. Anders als in Deutschland werden Konflikte nicht offen angesprochen und geklärt. Versucht man es, wird es schnell als Bloßstellen des Gegenübers wahrgenommen. Dasselbe gilt für Verbesserungsvorschläge. Als Freiwillige werden wir in den Einrichtungen ganz unten (über den Kindern, unter den Mitarbeitern) stehen. Somit sind unsere Möglichkeiten, dort etwas zu verändern, eher gering. Aus diesem Grund wäre es total utopisch mit dem Ziel hinzugehen, die Organisation umzukrempeln. Uns wurde nahegelegt, dass es sinnvoller ist, sich kleinere Ziele zu setzen. Zudem müssen wir uns gut überlegen, wie wir Konfliktsituationen klären, ohne jemanden zu verärgern. 
Noch ein wichtiger kultureller Unterschied: Das Individuum spielt in Vietnam eine sehr untergeordnete Rolle, denn die Familie (Eltern, Geschwister, Tanten, Onkel, Großeltern) hat einen sehr hohen Stellenwert. Jedes Familienmitglied wird eine feste Rolle und dementsprechend Pflichten zugewiesen. Die Familie gibt nicht nur eine soziale, sondern auch eine finanzielle Sicherheit. Wenn das Geld nicht ausreicht, ist es selbstverständlich, dass die älteren Kindern arbeiten gehen, um den Jüngeren eine Ausbildung zu ermöglichen. Tritt ein Problem auf, wird es gemeinsam mit allen Familienmitgliedern geklärt. Es wird auch zu den verstorbenen Familienmitgliedern gebetet und um Rat gefragt. Hierfür gibt es in den Wohnungen einen Ahnenaltar.

Jetzt belasse ich es erstmal bei diesem kleinen kulturellen Input und erähle noch kurz was zu dem vietnamesischen Abend, der am letzten Abend stattfand. Am späten Nachmitag fingen wir an, das vietnamesische Essen für den Abend vorzubereiten. Gemeinsam mit Frau Bich machten wir Frühlingsrollen, Sommerrollen, Wan Tan und Suppe.  Das war super spaßig. Leider haben wir uns ein wenig in der Zeit verschätzt (da noch Ehemalige da waren mussten wur schließlich für 20 Personen kochen), aber um 21 Uhr gab es dann endlich Essen. Das Buffet sah super aus! Für alle die mochten, gab es Reisschnaps mit dem passenden Trinkspruch: "trăm phần trăm" (hundert Prozent → Exen). Da ich kein Alkohol trinke, hielt ich mich zurück.


Sommerrollen, Frühlingsrollen und Reisnudeln
Inhalt der Frühlingsrollen
Teig für Wan Tan


Bevor ich es vergesse, ich kann euch endlich mehr über meinen Einsatzort berichten. Ich werde das Jahr über gemeinsam mit sechs anderen Freiwilligen in Bac Giang verbringen (die anderen drei werden in Ky Son leben). Bac Giang ist ca. 50 km von Hanoi entfernt und hat ungefähr 1.563.500 Einwohner. Wir werden dort ein Haus bewohnen und als 7er WG zusammenleben. Arbeiten werde ich gemeinsam mit Leo, Tammi und Anna im 5 km entferntem Kinderdorf, in dem Kinder mit und ohne Behinderungen leben. Da die nichtbehinderten Kinder eine Schule im Ort besuchen (die behinderten und HIV-infizierten Kinder werden aus dem Schulsystem ausgeschlossen), werden wir wohl größtenteils für die behinderten Kinder zuständig sein.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich die zehn Tage Seminar sehr genossen habe. Ich hatte die Möglichkeit, meine Mitreisenden näher kennenzulernen und freue mich darauf, jeden Einzelnen am Flughafen wiederzusehen. Thematisch hat es mir auch gut gefallen. Ich konnte meine Unsicherheiten loswerden und habe Antworten auf meine ungeklärten Fragen erhalten. Ein großes Dankeschön an Stefan, Herr Le, Frau Ungh und Frau Bich. Und natürlich auch an die Ehemaligen, die wir mit unseren Fragen löchern konnten. Ihr Schwärmen für Vietnam hat mich total neugierig gemacht auf das, was uns dort erwartet. 
Nun fühle mich gut ausgerüstet,  um nach Vietnam zu reisen und meine Vorfreude darauf ist ins Unermessliche gestiegen. Leider musste unser Flug aufgrund der Tatsache, dass die Visa noch unbearbeitet in Vietnam liegen, zwei Wochen nach hinten verschoben werden. Der aktuelle Flugtermin ist jetzt Mittwoch, der 20. August. Drückt uns die Daumen, dass wir bis dahin unser Visum haben! 



























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